Wie gehen wir damit um, dass andere einen Vorteil haben?

Kain ist seßhafter Bauer und hat damit eine ganz andere Lebenswelt als der nomadische Hirte Abel. Aus Gründen, die bewusst nicht erklärt werden, empfindet sich Kain als vom Leben und von Gott schlechter behandelt als Abel. Es "überläuft ihn heiß" und ihm "fällt das Gesicht herunter" - wie man 1 Mose 4,6 wörtlich wiedergeben könnte.

Gottes Stimme warnt ihn: "Wenn du es gut machst, kannst du den Blick erheben". Du kannst Repekt und Wertschätzung für deinen Bruder empfinden und musst auch dich selbst nicht als herabgesetzt empfinden.

Kain muss nicht zum Täter werden. Doch er sucht die Konfrontation mit dem Bruder, wird zum Opfer seiner Emotionen und Empfindungen - und somit gleichzeitig zum Täter. Er rastet aus, schlägt zu - und sein Bruder ist tot.

Die Tat rächt sich selbst: Er wird einsam und unstet. Weil er seinen Bruder tötete, muss er ohne dessen schützende Gemeinschaft leben. Gott verdammt aber auch den Schuldiggewordenen nicht und macht ihn nicht zum Unmenschen. Er muss mit der Konsequenz seiner Tat leben, aber bleibt trotzdem unter Gottes Schutz.

Ich mag an dieser Geschichte, dass sie nicht schwarzweiß zeichnet. Vieles bleibt unklar. Gut und böse sind nicht eindeutig verteilt - wie im richtigen Leben. Es geht in dieser Erzählung um Respekt. Um gegenseitige Wertschätzung oder Beschämung, um Ehre und Selbstwert. Das sind bis heute grundlegende Empfindungen. Vielleicht sogar noch mehr als damals, weil wir in einer Gesellschaft mit noch viel mehr verschiedenen Lebenswelten leben.

Wird mein Bedürfnis nach Freiheit genügend gewürdigt, wenn ein Staat mir nahelegt, dass ich mich trotz Bedenken impfen lassen soll? Und wenn ich mich schon vorher als nicht genügend gewürdigt gesehen habe? Klar, hier haben Befürworter und Gegner gute und klare Argumente. Aber darum geht es nicht. Es geht um Respekt, Wertschätzung.

Diese Geschichte beobachtet genau: Wenn ich mich nicht genügend respektiert sehe, senkt sich mein Blick. Ich denke mir dann Geschichten aus, warum der andere mich geringschätzt - bis hin zu Verschwörungserzählungen. Ich glaube, dass viele dieser seltsamen Geschichten Ausdruck des Gefühls von Herabsetzung sind. Argumente helfen da nicht.

Wir sind sehr schnell dabei, andere zu beurteilen und zu verurteilen. Anscheinend wissen nur wir, was richtig ist, und alle anderen sind dumm. Damit zerstören wir den Respekt voreinander und so die Gemeinschaft. Wenn wir es "gut machen" wollen, dann bleiben wir uns zugewandt, sehen die legitimen Bedürfnisse des anderen und verhandeln über gute Kompromisse. Es ist nur ein sehr kurzer Weg vom Verlust des Respekts zur zerstörerischen Tat. Vor der Schuld kommt die Beschämung.